Ich bin Deutsche, lasst mich hier raus!
Oder wie es wirklich ist, wenn man eine doppelte Staatsbürgerschaft loswerden will…

Zu meiner doppelten Staatsbürgerschaft kam ich wie so viele zufällig – durch Geburt. In den USA wird man automatisch Staatsbürger, wenn man auf US-Boden das Licht der Welt erblickt, und das kann man auch nicht abwählen (Ich habe mich erkundigt!). Im Gegenteil gibt es nach allem, was man so hört, sogar viele Frauen, die extra zum errechneten Geburtstermin in die USA reisen, damit ihre Kinder in den Genuss eines US-Passes kommen. Mein ganzes Leben lang hatte ich also dieses hübsche blaue Dokument in der Schublade. Genutzt wurde es nur selten. Ein paarmal zur Einreise, aber das ist schon lange her. Im zarten Alter von 19 Jahren verhalf mir das wertvolle Dokument auch dazu, dass ich in den USA arbeiten konnte.

Meine deutschen Gene bewogen mich dazu, das Dokument jedes Mal neu zu beantragen, als es abgelaufen war. 2007 – ich lebte gerade mit der Familie in Bratislava, Slowakei – wurde mir auf der US Botschaft erstmals mitgeteilt, dass es ab sofort vorgeschrieben sei, auch eine Social Security Number zu haben. Diese Nummer wird heute jedem US-Bürger direkt bei Geburt zugeteilt, in den 60er-Jahren war man da noch etwas nachlässig. Auch als ich in San Francisco gearbeitet hatte, war ich noch irgendwie durchs System gerutscht. Diesmal musste ich das Formular aber ausfüllen und einschicken. Größte Hürde: Ich sollte alle meine Wohnorte, seit ich die USA verlassen hatte, aufführen und mit amtlichen Dokumenten (Meldebescheinigung, polizeiliches Führungszeugnis, Schulzeugnisse) nachweisen. Im Formular waren dafür ganze drei Zeilen vorgesehen. Nun ja. Ich fragte die freundliche Beamte, wie ich denn bitte von drei Ländern und 5-7 Wohnorten diese Unterlagen beschaffen sollte. Sie riet mir, erst einmal nur die Wohnorte anzugeben und das Formular einfach so einzuschicken. Nach ca. 6 Wochen bekam ich Post vom US-Generalkonsulat in Warschau. Ich möge doch bitte die geforderten Nachweise (siehe oben) liefern. Alternativ könnte ich das auch zu einem späteren Zeitpunkt machen. Meinen Pass hatte ich inzwischen bekommen. Ich schob das Schreiben in eine Schublade und vergaß die Sache mit der SSN prompt.

Erst viele Jahre später, mein Pass war längst abgelaufen und setzte in irgendeiner Schublade Staub an, musste ich mich wieder mit der Problematik befassen. Ich wollte bei meiner Hausbank ein Depot-Konto eröffnen. Man freut sich ja, wenn man mal so viel Geld hat, dass sich ein Depot überhaupt lohnt. Allerdings hatte ich keine Ahnung, was durch diese einfache Amtshandlung auf mich zukommen sollte. Beim Ausfüllen der Formulare musste ich natürlich meinen Geburtsort angeben. Hoppla! Ein US-Bürger! Jetzt wurde plötzlich die SSN abgefragt. Die ich natürlich nicht hatte. Mir wurde aufgetragen, selbige schnellstens zu beantragen. Außerdem bekam ich einen mehrseitigen Brief, in dem ich darauf hingewiesen wurde, dass ich als US-Bürger verpflichtet sei, eine US-Steuererklärung abzugeben. Und zwar jedes Jahr, völlig unabhängig davon, wo ich lebe und ob ich überhaupt in den USA Steuern zahlen müsste. Sollte ich dieser Verpflichtung nicht nachkommen, so machte ich mich strafbar. Um dem Ganzen etwas mehr Nachdruck zu verleihen, drohte man eine Strafe von 10 000 US-Dollar an.

Ich schlief ein paar Nächte sehr, sehr schlecht. Da denkt man, man hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen, und dann erfährt man so ganz nebenbei, dass man übrigens schon immer mit einem Bein im Knast steht. Ich begann zu recherchieren und wurde immer verwirrter. Am einfachsten wäre es natürlich gewesen, die US-Staatsbürgerschaft einfach abzulegen. Dachte ich. Von wegen. Das ist nämlich ein ziemlich komplizierter Vorgang. Man muss dazu einiges an Papierkram erledigen, persönlich im US-Konsulat in Frankfurt erscheinen und obendrein eine Gebühr von ca. 2350 US-Dollar bezahlen. Dafür dass man was abgibt wohlgemerkt, nicht dafür, dass man irgendetwas bekommt. Kapitalismus at its best. Außerdem muss man nachweisen, dass man in den letzten fünf Jahren immer brav seine Steuern erklärt hat. Und für die Steuererklärungen braucht man – genau – die Social Security Number. Es ist ein bisschen wie bei Asterix im Haus, das Verrückte macht. Für den blauen Passierschein braucht man Formular A und für Formular A den blauen Passierschein. Die nächste Option, die ich mir überlegte, wäre wohl auch sinnvoll gewesen: einfach nie wieder in die USA zu reisen. Tatsächlich hatte ich ja schon mehrfach überlegt, die Staatsbürgerschaft abzulegen – immer dann, wenn die amerikanische Außenpolitik mal wieder völlig daneben war. Aber dann schien mit Obama wieder etwas Vernunft ins Weiße Haus eingekehrt und ich vergaß die Idee wieder. Aber so gar nicht mehr einreisen können? Das wollte ich dann doch nicht. Und mit meinem deutschen Pass darf ich laut Gesetz auch nicht einreisen (obwohl ich das in der Vergangenheit gemacht habe, aber das war noch vor 9/11, und inzwischen würde das bestimmt auffallen…).

Da es derzeit ein Programm gab, mit dem man straffrei rückwirkend für drei Jahre die Steuererklärungen abgeben konnte, wenn man glaubhaft versicherte, sich keiner Schuld bewusst zu sein (mimimimi), entschied ich mich also für den mühsameren Weg. SSN beantragen, Steuererklärungen machen, dann Staatsbürgerschaft ablegen. Puh. Der ganze Prozess zog sich über drei Jahre hin und hat mich knapp 10 000€ gekostet. Was hätte ich mit dem Geld nicht alles Schönes anstellen können…

Jeder einzelne Schritt war nervenaufreibend. Meldebescheinigungen aus fünf verschiedenen Gemeinden in Deutschland. Beim Rathaus meines Heimatorts immerhin hatte ich unverhofft eine Schulfreundin aus Kindertagen am Telefon, die mir die Bescheinigung prompt schicken konnte. In den Unterlagen im Keller einer anderen Gemeinde waren keine Unterlagen aus den frühen 70ern mehr auffindbar. In Köln musste ich zum Abholen der Bescheinigung persönlich antanzen. Und in Bratislava hätten sie über eine solche Anfrage vermutlich lediglich gelacht. Ich besorgte stattdessen einen Nachweis, dass ich dort im Vorstand einer Charity-Organisation gearbeitet hatte. Was ich mich aber inzwischen wirklich fragte, war etwas ganz anderes: Was zum Henker geht es die Amerikaner überhaupt an, wo und wie ich mein Leben verbracht habe? DIE schreiben mir vor, dass ich so eine blöde Nummer haben muss. Wieso teilen sie mir dann nicht einfach eine Nummer zu? Wieso muss ICH die ganze Arbeit machen?

Dabei hatte ich noch Glück! Ich musste die SSN in Frankfurt beantragen, zwar nicht um die Ecke, aber immerhin im selben Land und halbwegs erreichbar. Wäre mein Leben anders verlaufen und ich hätte zum Beispiel in Ägypten gewohnt (wäre ja möglich bei einem ägyptischen Vater!), so hätte ich die SSN in Tel Aviv beantragen müssen. Dort hätte ich mit einem ägyptischen Pass aber gar nicht einreisen dürfen…Aber für solche Verwicklungen reicht die Fantasie von US-Amerikanern offenbar nicht aus.
Mit meinem Paket an Unterlagen machte ich mich also auf nach Frankfurt, wo ich die SSN beantragte. Es dauerte zehn (!) Monate, bis ich die SSN schließlich erhielt. Heute frage ich mich, was die in New York (mein Geburtsstaat, in dem die Unterlagen verarbeitet wurden) mit dem ganzen Zeug gemacht haben. Auswendig gelernt und als Theaterstück aufgeführt??

Inzwischen hatte ich eine Steuerkanzlei gefunden, die bereit war, für ein üppiges Honorar meine deutschen Steuererklärungen in US-Formulare zu übersetzen. Dazu musste ich den Bestand aller meiner Bankkonten der letzten zehn (!) Jahre nachweisen. Ein Wochenende lang hatte ich großen Spaß, knietief in alten Kontoauszügen und den Kopf voller Zahlen. Immer mit dem Zähneknirschen – wozu das alles?? Ich erklärte drei Jahre rückwirkend meine Steuern, dann noch für zwei weitere Jahre. Und nein, die US-Steuererkärung passt nicht auf einen Bierdeckel. Meine letzte von 2018 hatte 56 Seiten, von denen ich maximal drei nachvollziehen konnte.

Dann endlich, im Herbst 2018 war es so weit! Ich bekam meinen Termin in Frankfurt, an dem ich mich meine US-Staatsbürgerschaft endgültig ablegen durfte. Ich freute mich darauf, diese leidige Sache endlich zu beenden. Inzwischen hatte Präsident Trump dafür gesorgt, dass ich auch aus ganz anderen Gründen dringend meine US-Staatsbürgerschaft loswerden wollte. Ich freute mich auf den Termin – es fühlte sich ein bisschen wie eine Scheidung an, die man nicht erwarten kann. Ob der Konsul mich nach meinen Gründen fragen würde? Ich legte mir allerlei Antworten im Kopf zurecht.
Das Ereignis selbst hinterließ dann eine ziemliche Leere bei mir. Ich bezahlte die Gebühr, wurde noch einmal belehrt, dass dieser Schritt unumkehrbar sei und musste die rechte Hand zum Schwur heben. Wirklich. Auf solche Rituale legen die Amerikaner großen Wert. Keiner fragte nach meinen Gründen.

Aber die wären zu diesem Zeitpunkt vielleicht auch allzu offensichtlich gewesen. In diesem Jahr 2019 musste ich nun meine letzte Steuererklärung in den USA abgeben und – natürlich – wieder meine sämtlichen Einkommensverhältnisse offenlegen. Als ich den dicken Umschlag zur Post brachte, war ich fast ein wenig wehmütig.

Jetzt bin ich wirklich Deutsche. Zumindest dem Pass nach.